Galilei, Goethe und Co. Freundschaftsbücher der Herzogin Anna Amalia Bibliothek
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Kunsthandwerk

Als besondere Beigaben zu Eintragungen in Freundschaftsbüchern sind bereits im 16. Jahrhundert bildliche Darstellungen überliefert. So wurden verschiedene Mal- und Zeichentechniken eingesetzt, bald aber auch preiswerte druckgraphische Blätter verwendet. Zu ihnen gehören im weitesten Sinne auch die im 19. und 20. Jahrhundert sehr geschätzten Oblaten sowie Stanz- und Abziehbilder.

Um 1700 erschienen die ersten Silhouettenporträts, entweder getuscht oder geschnitten. Die Kunst des Scherenschnittes war an Fürstenhöfen, insbesondere in Darmstadt, Gotha und Weimar, später auch in bürgerlichen Kreisen sehr populär. In der Romantik entwickelte sich der Scherenschnitt von der reinen Porträtsilhouette hin zur Landschafts- und Genresilhouette: Kleine Szenen wurden geschnitten und auf einen farbigen Hintergrund montiert. Die Beigaben des späteren 18. und 19. Jahrhunderts gehören in den Bereich des Kunsthandwerks. Stickereien oder Klebe- und Flechtarbeiten aus Papier und Stoff begleiten die Eintragungen. Besonders beliebt waren mehr oder minder kunstvoll geflochtene, oft mit Seidenbändern durchzogene Haarkränzchen oder gepresste Blumen. Die unverwechselbare Einmaligkeit und ›Körperlichkeit‹ der Beigabe sollte eine ganz besonders vertraute Beziehung herstellen und Erinnerungen an bestimmte Erlebnisse, etwa gemeinsame Spaziergänge, hervorrufen. Die Bedeutung dieser Kleinkunstwerke für den Empfänger verdankt sich eher der Aura des Persönlichen, die sie umgibt, als ihrem künstlerischen Charakter.


Stb 577a, Blatt 1 – Juliane Bach (1801–1858)

Stb 577a, Blatt 1

Juliane Bach (1801–1858)

Laufzeit: 1817–1820

Henriette Barth, die am 29. Oktober 1817 in Ohrdruf Juliane Bach diese Eintragung widmete, fand wohl nicht die Muße, ihre Stickvorlage zu bearbeiten. Deshalb kann man nun sehen, wie diese überaus kunstvollen Stickereien üblicherweise angefertigt wurden.

Stb 495 – C. B. Meltzer (18. Jh.)

Stb 495

C. B. Meltzer (18. Jh.)

Laufzeit: 1773–1780

In das Stammbuch des Schweidnitzer Goldschmiedegesellen Meltzer trugen sich auch Compagnons (Gesellen) anderer Zünfte ein, wie beispielsweise der Posamentierer G. W. Birckenstock aus Halle am 9. April 1773. Posamentierer oder Bortenwirker stellen Fransen, Kordeln, Treppenseile, Quasten, Zierschnüre, Litzen oder Borten aus Naturfasern und Gold- oder Silberdrähten her, die als Zierde für Möbel, Heimtextilien und Kleidung dienen. Man darf also vermuten, dass die mit größter Sorgfalt – wie auch die Rückseite beweist – mit Seidenfäden auf Papier gestickte Rose vom Einträger selbst angefertigt wurde, passend zu den Versen: Stets sey es Frühling um dich. || Es führen mit süßem Lieb koßen. || Dich Friede und Freude durchs Leben hinab, || Und wo du Wandels[t] da, tredte dein fuß, auf duftende Rosen, || Und über dich lächele die Sonne herab.

Stb 749 – Johann Eduard Heyn (19. Jh.)

Stb 749

Johann Eduard Heyn (19. Jh.)

Laufzeit: 1808–1818; 1821–1828

Ein schönes Beispiel der Übereinstimmung von Text, Bild und Gestaltung bietet das Blatt Charlotte Albertine von Ebersteins im Freundschaftsbuch des Zittauer Buchhändlers Heyn. Zum Zeitpunkt der Widmung war sie Kanonisse des Klosters Drübeck im Harz, das sie 1822 verließ, um den Rittmeister Karl von Ehrenthal zu heiraten: Recht hat der Dichter, der das Lob || Der grünen Farbe hoch erhob; || Wär alles roth und gelb, welch jämmerliches Leben. || Nur Grün kann Reitz der Welt, dem Aug Erquickung geben; || Ist froher Hoffnung Bild; folgt nicht der grünen Saat || Die reiche Ernte nach? Lohn jeder edlen That? || Grün soll auch das Symbol von unsrer Freundschaft werden, || Ihr immer grün besteht, welkt alles sonst auf Erden. || Dresden im November || 1807. || Zur Erinnerung an || Charlotte von Eberstein || Chanoinesse de Druebeck.

Stb 577 – Constantia Amalia Briegleb (18. Jh.)

Stb 577

Constantia Amalia Briegleb (18. Jh.)

Laufzeit: 1792–1827

Die Tochter des Direktors des Coburger Casimirianums, Johann Christian Briegleb, heiratete Johann Philipp Bach aus dem Zweig der sogenannten Meininger Bach. Über den außergewöhnlich langen Zeitraum von 35 Jahren führte sie ein Freundschaftsbuch. Unüblich ist außerdem die Tatsache, dass sie das Album nach der Eheschließung weiter verwendete, denn die Laufzeit der meisten Frauenstammbücher endet mit der Verehelichung der Eignerin. Etliche der insgesamt 115 Eintragungen sind mit Silhouettenporträts geschmückt, die – geschnitten oder getuscht – um 1750 als Bildbeigaben in Alben üblich wurden. Das beeindruckende Profil zeigt Ernestina Christiana Luise Briegleb, geb. Stockmar, eine Tante der Eignerin. Eine spätere Hand fügte in ganz traditioneller Manier Frau Hofadvokat Briegleb geb. Stockmar in Eisenach, geb. 1756, † 1824 hinzu.

Stb 514 – Pauline von Haeseler (1802–1882)

Stb 514

Pauline von Haeseler (1802–1882)

Laufzeit: 1825–1841

Pauline von Haeseler erhielt dieses zunächst als Kalender gedachte, dann aber zum Stammbuch umfunktionierte Büchlein von Jeanne Augusta Suzanne Pallard, der Erzieherin der Kinder des späteren Weimarer Großherzogspaares Carl Friedrich und Maria Pawlowna. Es enthält ausgesprochen kunstvoll und filigran gearbeitete Scherenschnitte. Drei Pferdekutschen mit insgesamt sechs Fahrgästen und je einem Kutscher mit Peitsche fahren auf einer Allee unterhalb des Dornburger Schlossfelsens. Unterschrift: le 3 May partie oragente || à Dornburg. Dieser Ausflug findet sich in Goethes Tagebuchnotiz vom 3. Mai 1825 wieder. Er schreibt: »Chronik des Jahrs 1810 weiter ausgeführt. Sodann den Schluß schematisirt. Mittag zu dreyen. Ulrike [von Pogwisch] war nach Dornburg gefahren.«

Stb 1023 – Emilie … (19. Jh.)

Stb 1023

Emilie … (19. Jh.)

Laufzeit: 1827–1840

Getrocknete Blumen erhielten sich sehr selten in Stammbüchern, waren aber wohl eine beliebte Beigabe, wie viele Reste und Krümel, die man noch findet, erahnen lassen. Besonders kostbar erscheint deshalb dieses hervorragend erhaltene ›Tränende Herz‹.

In fest gebundenen Freundschaftsbüchern gehorchte die Reihenfolge der Eintragungen einer gewissen Rangordnung. Professoren trugen sich weiter vorne ein als Studenten, Angehörige des Adels vor nichtadeligen Freunden. Mit der Ende des 18. Jahrhunderts immer häufiger vorkommenden Loseblattsammlung spielt die Platzwahl innerhalb eines Albums keine Rolle mehr, da sie willkürlich verändert werden kann. Somit geht die Struktur innerhalb der Einträgerschaft verloren. Das Stammbuch erhält einen entschieden privateren Charakter, was sich auch an solchen persönlichen Beigaben ablesen lässt.

Stb 577a, Blatt 2 – Juliane Bach (1801–1858)

Stb 577a, Blatt 2

Juliane Bach (1801–1858)

Laufzeit: 1820

Juliane, eine Tochter von Constantia Amalia und Johann Philipp Bach, führte ihr Freundschaftsbuch, bis sie den großherzoglichen Beamten Johann Carl Schwanitz heiratete. Fast alle Eintragungen stammen von Jugendfreundinnen. Viele versahen ihre Widmung mit den damals sehr beliebten Haarkränzchen, in die oft zusätzlich – wie hier – Seidenbänder hineingeflochten wurden. Die ›Körperlichkeit‹ der Beigabe sollte eine ganz besonders vertraute Beziehung herstellen:

Ewig ewig werd ich dich Freundin nennen, || bis zum letzten Lebens Augenblick || Unsere Seelen kann der Tod nicht Trennen! || Nie der Tag[e] trübes Misgeschick.