Galilei, Goethe und Co. Freundschaftsbücher der Herzogin Anna Amalia Bibliothek
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Schriftsysteme

»Vieles ist verborgen«: Es gibt eine Vielzahl von Sprachen und Schriftsystemen in Freundschaftsbüchern, durch welche der Einträger seine Bildung besonders gut zur Geltung bringen wollte.

Neben griechischer, kyrillischer oder hebräischer Schrift ist auch Äthiopisch, Syrisch, Arabisch, Samaritanisch und Jiddisch mit hebräischen Buchstaben vertreten. Oft dienten derartige Eintragungen auch der Verständigung innerhalb eines sehr kleinen Kreises, dem außer dem Stammbucheigner und Einträger nur wenige weitere Personen angehörten. Indem man sich einer Geheimschrift bediente oder den Text chiffrierte, konnte man den Inhalt einer Widmung eindrucksvoll verschlüsseln. Wurde die Tarnung besonders raffiniert ausgewählt, kann es durchaus vorkommen, dass sich eine Eintragung heutzutage der Deutung völlig entzieht. Auch Eintragungen in Stenographie kommen vor, und noch etwas häufiger trifft man auf Noten. Es sind Beigaben von Komponisten wie beispielsweise von dem aus der Schweiz stammenden Joachim Raff oder von Louis Spohr, der auch als Dirigent tätig war. Zumeist handelt es sich um eigene Schöpfungen, also Kanons und Fugenmotive oder Zitate aus eigenen größeren Werken.

Die Mühe, mit der ein Eintrag gestaltet wurde, und der zeitliche Aufwand, den der Einträger dafür aufbrachte, sind greifbare Indizien für die persönliche Wertschätzung und die Vertrautheit der Beziehung zwischen dem Schreiber der Widmung und dem Empfänger.


Stb 200 – Johann Carl Stephani (1620–1683)

Stb 200

Johann Carl Stephani (1620–1683)

Laufzeit: 1639–1647

Die seltsame Widmung stammt von Nikolaus Schmidt genannt Küntzel, dem gelehrten Bauern von Rothenacker im Vogtland. In der ersten Zeile liest man Äthiopisch: »Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes«. Darunter folgen Arabisch, Syrisch, Samaritanisch und Jiddisch mit hebräischen Buchstaben: »Wenn Gott für uns ist, wer mag wider uns sein« (Rö 8,31).

Der Sohn bäuerlicher Eltern war aufgewachsen, ohne je eine Schule besucht zu haben, und konnte mit 15 Jahren weder lesen noch schreiben. Mit einer Fibel brachte er sich das Lesen bei. Als nächstes lernte er Latein, dann Hebräisch und Syrisch, anschließend Arabisch, Äthiopisch und Armenisch, hiernach Ägyptisch und Persisch.

Stb 285 – Hiob Ludolf (1624–1704)

Stb 285

Hiob Ludolf (1624–1704)

Laufzeit: 1645–1699

Hiob Ludolf, Begründer der Äthiopistik, soll 25 verschiedene Sprachen beherrscht haben. Im Jahr 1648 traf er den äthiopischen Theologen Abba Gorgoryos in Rom. Vier Jahre später lud Herzog Ernst I. der Fromme von Sachsen-Gotha auf Ludolfs Veranlassung hin den Abba nach Gotha ein. In vielen Monaten gemeinsamer Forschung auf Schloss Friedenstein legten sie die Grundlagen für alle späteren Arbeiten Ludolfs über Äthiopien. An diese gemeinsame Gothaer Zeit erinnert die Eintragung in Ludolfs Stammbuch: »Lobet den Herrn, alle Völker, || preist ihn, alle Nationen! || Denn mächtig waltet über uns seine Huld || die Treue des Herrn währt in Ewigkeit! || Gorgo[r]yos der Äthiopier aus dem Hause Amhara dem Signor Iyob Ludolf || schrieb zum Gedenken in der Stadt Gotha in Germania || [1]652 seit der Geburt unseres Heilands || Christus, ihm sei Heil.«

Stb 580 – Johanna Fischer-Merian (19. Jh.)

Stb 580

Johanna Fischer-Merian (19. Jh.)

Laufzeit: 1842–1858

Fast alle Eintragungen im Album Johanna Fischer-Merians haben einen Bezug zur Musik. So trug sich beispielsweise auch Wilhelmine Schröder-Devrient, gefeierte Sängerin und berühmte Gesangstragödin des 19. Jahrhunderts, ein. Joachim Raff, Sekretär und Assistent von Franz Liszt in Weimar, ließ es nicht bei einer einfachen Eintragung bewenden. Anfang Mai 1851 schrieb er vier Notenzeilen mit dem Beginn je eines Notturnos in Fischer-Merians Album. Die darauffolgenden Zeilen erläutern die musikalische Widmung des unermüdlich Schaffenden: u. s. w. – So werde ich – wie manch’ anderes, was ich erstrebe – wohl noch mehr Notturno’s anfangen, bis mich, ohne daß ich fertig wäre, die rechte Nacht überfällt, deren ewiges Schweigen von keinem jener Klänge unterbrochen wird, die blos aus menschlichen Seelen und Kehlen dringen um menschliche Herzen zu rühren.

Stb 838 – Eduard Beermann (1786–nach 1873)

Stb 838

Eduard Beermann (1786–nach 1873)

Laufzeit: 1845–1853

Der leichteren Muse huldigte der durch die Lande reisende Improvisator Beermann. An den Höfen kleinerer und mittlerer Residenzen brachte er das nicht übermäßig verwöhnte Publikum mit Stegreifdichtungen und populären Volksliedern zur Begeisterung. Ein Theaterzettel vom 29. Mai 1844 mit der Ankündigung Beermanns über eine Vorstellung im Stuttgarter Hoftheater hat sich erhalten. Unter Punkt eins bittet der Improvisator um »50 bis 60 Endreime von dem Publikum«, um danach »ohne Hinzuthun oder Wegnahme eines einzigen Reimes auf der Stelle ein zusammenhängendes, geregeltes Gedicht an die Damen zu bilden«. Am 16. Oktober 1846 trug sich in Kassel der Komponist Louis Spohr in Beermanns Freundschaftsbuch ein. Er zitiert vier Takte aus dem ersten Akt seiner im Januar 1845 uraufgeführten Oper ›Die Kreuzfahrer‹.

Stb 246 – Johann Jacob Wilhelmi (?–1721)

Stb 246

Johann Jacob Wilhelmi (?–1721)

Laufzeit: 1699–1718

Das in allen Gesellschaftsformen vorhandene Bestreben, Informationssysteme gegen unbefugtes Lesen oder gar Verändern widerstandsfähig zu gestalten, hat eine lange Tradition. Im Idealfall kennen nur genau zwei Personen den Schlüssel zur Chiffre, mit welcher der Geheimtext wieder in Klartext umgewandelt werden kann. Die Eintragung im Album des Medizinstudenten Wilhelmi vom 24. August 1709 scheint diesen hohen Anforderungen zu genügen. Bisher konnte den sieben durch einen Punkt getrennten Zeichengruppen kein Sinn unterlegt werden, obwohl einige der verwendeten Zeichen als Planeten- und Elementzeichen geläufig sind. »In der Natur ist vieles verborgen« schrieb Johann Leonhard Rost genannt Meletaon am 24. August 1709 darunter. Weiße Schrift auf schwarzem Grund ist die in der pharmazeutischen Offizin heute noch übliche Kennzeichnung für Gift.

Stb 905 – Heinrich Wilhelm Eduard Löckermann (1838–1911)

Stb 905

Heinrich Wilhelm Eduard Löckermann (1838–1911)

Laufzeit: 1861–1863

Der Mathematiker Löckermann war Mitglied des ›Stenographischen Vereins‹ seiner Heimatstadt Hamburg. Etliche Eintragungen seines Albums sind in Kurzschrift geschrieben, wie dieses Lobgedicht auf die Druckkunst:

»Das Licht, das Gutenberg gebracht, in Geistes Nacht hat die Stenographie zur Glorie gebracht. || Sieh es stürzt vom Fels zur Mühle || nieder, und sich im Gewühle || selber schaffen seine Bahn, || eilend zu des Flusses Bahn. || Sei er Deiner Thaten Spiegel || sprengen der Besinnung Siegel || trotz dem alt gewordnen Wahn, || der Dich lehrt bedächtig nah’n. || Bei des Wasserfalles Rauschen || magst Du jene Kunst erlauschen, || die, mit wem sie immer ringt || jedes Feindes Macht bezwingt || wie der Sturz vom Fels so rege || schaff und wirk auf Deinem Wege || denn: wer ohne Kampf sich fügt || selbst sich um die Frucht betrügt. || Zur freundlichen Erinnerung an || F. und A. Ströbel || Hamburg, den neunten Juli 1863.«