Galilei, Goethe und Co. Freundschaftsbücher der Herzogin Anna Amalia Bibliothek
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Einbände

Vom üblichen Buchformat bis hin zur Kassette – Freundschaftsbücher wurden oft in kostbare Materialien eingebunden. Nicht zuletzt war das Format für die Gestaltung der Eintragung wichtig, denn das mit der Zeit üblich gewordene praktische Queroktav ließ lange Verszeilen zu.

Die Wahl eines größeren Buchformates war nicht selten vom Wunsch des Eigners nach Ansehen und Repräsentation geprägt. Kostbare Leder mit Goldprägung, Stoffe wie Samt oder Seide mit Perlen, Gold- und Silberfäden bestickt oder kunstvoll geschnitzte Holzdeckel: Die wertvollen Einbände bieten nicht nur Schutz vor Verschmutzung und Zerstörung des Buchblockes, sondern stellen auch die Bedeutung zur Schau, welche das Album für den Besitzer hatte. Gleichzeitig konnte er damit, wie auch mit dem von ihm eigens gestalteten Titelblatt, einen bestimmten Anspruch an die Art und Qualität der Eintragungen erheben.

Rücken- oder Einbandtitel unterstreichen häufig die emotionale Bedeutung, die der Eigner seinem Freundschaftsbuch beimaß. In diesem Kontext sind »Denkmal der Freundschaft« oder »Zur ewigen Erinnerung« zu verstehen. Manchmal weisen goldgeprägte Initialen den Besitzer aus und geben Jahreszahlen den Beginn der Laufzeit an. Goldschnitte, zum Teil verziert, und als Vorsatzblätter dienende luxuriöse Buntpapiere, die manchmal noch zusätzlich verstreut in das Album eingebunden wurden, vervollständigen die Bücher, in denen man die auf Reisen gesammelten Beziehungen und Freundschaften für die Zukunft aufbewahrte.


Stb 385 – Unbekannte adlige Stiftsdame eines evangelischen Stiftes (16. Jh.)

Stb 385

Unbekannte adlige Stiftsdame eines evangelischen Stiftes (16. Jh.)

Laufzeit: 1593–1599

Eine Kostbarkeit ist dieses Freundschaftsbuch nicht nur seines Einbandes wegen. Wenige Alben der frühen Neuzeit sind von Damen – fast ausschließlich adeliger Herkunft – überliefert. Vor allem zwischen 1570 und 1620 waren Frauenalben im hohen und niederen Adel in Gebrauch, danach gibt es kaum noch Belege. Erst durch das Aufkommen des Freundschaftskultes im späten 18. Jahrhundert findet man wieder Frauen als Eignerinnen von Stammbüchern, nun vermehrt im Bürgertum.

Das Rindleder dieses Einbandes zeigt eine reiche, bunt und gold eingefärbte Prägung von Blüten und Ranken sowie eine Plattenprägung in der Mitte. Der Rückdeckel zeigt das Sächsische Wappen mit den gekreuzten Kurschwertern auf dem Herzschild. Auf dem Vorderdeckel ist Johann Friedrich I. der Großmütige von Sachsen zu sehen.

Stb 294 – Graf Anton Heinrich von Oldenburg-Delmenhorst (1604–1622)

Stb 294

Graf Anton Heinrich von Oldenburg-Delmenhorst (1604–1622)

Laufzeit: 1622

Die prachtvollen roten Seidenschleifen sind neu. Sie entsprechen jedoch farblich und im Hinblick auf das Material den Originalbändern, die sie seit der behutsamen Restaurierung des schwarzen Samteinbandes ersetzen. Möglicherweise wurde dieser erst nach dem frühen Tod des erst achtzehnjährigen Anton Heinrich angefertigt. Eine Kavalierstour hätte der kostbare Einband wohl kaum unbeschadet überstanden. Häufig wurden lose Bögen mit auf Reisen genommen und erst später zu einem Buch gebunden.

Das Hochrelief der Pailletten- und Brokatstickerei zeigt das Wappen von Oldenburg-Delmenhorst mit dem Ankersteckkreuz der Herrschaft Delmenhorst und den goldenen Balken der Grafschaft Oldenburg, im Herzschild den Löwen von Jever.

Stb 611 – Johann Georg Eck (1745–1808)

Stb 611

Johann Georg Eck (1745–1808)

Laufzeit: 1766–1767

Der Einband wurde aus Kalbleder gearbeitet und mit vergoldeten Streicheisenlinien sowie Eckfleurons verziert. In der Mitte beider Deckel befindet sich je ein goldgeprägtes Dreieck, als Freimaurerzeichen das Symbol der Dreizahl oder des ›Großen Baumeisters aller Welten‹. Eck stand fast 35 Jahre lang der Leipziger Loge ›Minerva zu den drei Palmen‹, die 1741 als zunächst namenlose Loge gegründet worden war, als Meister vom Stuhl vor. Mit diesem Titel bezeichnet man den Logenmeister, also den Vorsitzenden einer Freimaurerloge.

Stb 13 – Christian Ulrich Wagner II. (1722–1804)

Stb 13

Christian Ulrich Wagner II. (1722–1804)

Laufzeit: 1740–1747

Seinen Plan, anhand der von ihm gesammelten Stammbücher eine Geschichte des Ulmer Bürgertums zu verfassen, konnte der vielbeschäftigte Drucker und Verleger Wagner nicht verwirklichen. Zahlreiche Anmerkungen und biographische Ergänzungen in den 275 Exemplaren, die den Grundstock der Weimarer Sammlung bilden, zeugen jedoch von einer intensiven Beschäftigung mit seinem Steckenpferd. – Das Titelblatt seines eigenen Stammbuches enthält die Bitte an Gönner und Herrschaften, ihre werten Namen dem Buch hinzuzufügen. Dieser Ermunterung folgten 46 Einträger in Berlin, Gießen, Halle, Kassel, Leipzig, Memmingen und Ulm, darunter berühmte Verlegerkollegen Wagners wie beispielsweise Bernhard Christoph Breitkopf, Gründer des gleichnamigen Musikverlages in Leipzig. Gegenüber der Titelseite ließ Wagner sein sprechendes Wappen malen.

Stb 489 – Johann Christian Gottfried Boltzenthaler (18. Jh.)

Stb 489

Johann Christian Gottfried Boltzenthaler (18. Jh.)

Laufzeit: 1776–1781

Das Titelblatt eines Stammbuches diente einerseits der Kennzeichnung des Eigentums, sollte aber andererseits auch dessen Funktion erkennen lassen, indem es auf die mittlerweile eingebürgerte Form der Albumführung verwies. Diese besonders luxuriöse Ausführung verrät den Wunsch des Eigners nach ebenso sorgfältig gestalteten Eintragungen. Um die Widmung rankt sich eine sehr kunstvolle Seidenstickerei, die am rechten Rand extra ausgeschnitten wurde. Auf der Rückseite sieht die Girlande völlig gleich aus, es sind keinerlei Knoten oder vernähte Stellen zu sehen. Der Text wurde offensichtlich nachträglich hinzugefügt. Denn obwohl Boltzenthaler die beiden letzten Bestandteile seines Namens sehr eng schrieb, sah er sich doch gezwungen, den Nachnamen abzukürzen

Stb 483 – C. F. Schultz (19. Jh.)

Stb 483

C. F. Schultz (19. Jh.)

Laufzeit: 1801–1804

Schultz war Absolvent der 1778 gegründeten Magdeburger Handelsschule. Das Titelblatt seines dort geführten Albums besteht aus einem Stück Seide, das mit Seiden- und Metallfäden sowie winzigen eckigen Perlen bestickt ist. In der Mitte ist sein Monogramm zu erkennen: C F S. Die bestickte Seide wurde mit Brokatborten nachträglich auf das Papier montiert.

Stb 1068 – Emilie Blum (19. Jh.)

Stb 1068

Emilie Blum (19. Jh.)

Laufzeit: 1829–1850

Aus Lemberg in Galizien stammt die Eignerin der prächtigen roten Kassette aus sogenanntem Chagrinleder. Lange Zeit kannte man diese Art der Bearbeitung von besonders kräftigem Rückenleder nur im Orient. Zur Herstellung wurden Körner in das noch feuchte Leder gedrückt, die nach dem Herausschütteln Narben hinterließen. So behandeltes Leder wurde bevorzugt für Zaumzeug, Futterale und vor allem auch Bucheinbände verwendet. Der Buchbinder dieser Kassette ging sehr sparsam mit seinen Dekorationswerkzeugen um; vielleicht wollte er auf diese Weise die Schönheit des kostbaren Leders für sich wirken lassen.

Stb 700 – Unbekannte Berlinerin (19. Jh.)

Stb 700

Unbekannte Berlinerin (19. Jh.)

Laufzeit: 1840–1845

Wie ein Feuerwerk überzieht die ägyptisierende Vergoldung den Einband dieses Stammbuches einer unbekannten Berlinerin: Das rote Chagrinleder ist unter der reichen Verzierung kaum zu sehen. Die beiden Sphingen und die Anordnung der Sonnenstrahlen sind noch Auswirkungen der in Europa verbreiteten Ägyptenbegeisterung. Sie fand seit der von Napoleon von 1798–1801 unternommenen Ägyptischen Expedition in Kleidung, Architektur, Kunst und Kunsthandwerk ihren Niederschlag und wurde mit der Entzifferung der Hieroglyphen im Jahr 1822 durch Jean-François Champollion zur regelrechten Manie.

Stb 794 – Hildegard Thümmel (20. Jh.)

Stb 794

Hildegard Thümmel (20. Jh.)

Laufzeit: 1926–1927; 1934

Hölzerne Einbanddeckel sind bei Stammbüchern äußerst selten anzutreffen. Dieser zeugt von besonderem kunsthandwerklichen Können. Geschnitzt wurde der Einband vom Bruder der Eignerin, Paul Thümmel aus Dippoldiswalde. Von 1910 bis 1915 hatte er eine Lehre als Holzbildhauer in Rabenau, dem heute noch bekannten Zentrum des handwerklichen Stuhlbaus, absolviert.

Stb 120 – Johann Daniel Halder (18. Jh.)

Stb 120

Johann Daniel Halder (18. Jh.)

Laufzeit: 1706–1710

Das Brokatpapier zeigt in Gold auf gelb gestrichenem Grund eine Jagdszene. Der Reiter trägt eine Lanze, unten ist ein flüchtender Hase zu sehen. Das Papier stammt vermutlich von Georg Christoph Stoy in Augsburg.

Stb 22 – Johann Michael Miller (1722–1774)

Stb 22

Johann Michael Miller (1722–1774)

Laufzeit: 1743–1747

Das Brokatpapier zeigt in Gold auf rot gestrichenem Grund eine Arabeske mit Kopfmaske. Auf dem unteren Rand lässt die Signatur erkennen, dass das Papier von Georg Christoph Stoy in Augsburg angefertigt wurde.

Stb 631 – Prinzessin Elisabeth von Hessen-Homburg (1825–1864)

Stb 631

Prinzessin Elisabeth von Hessen-Homburg (1825–1864)

Laufzeit: 1845–1863

Das Geheimnis dieser Stammbuchkassette erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Man sieht ein Buch, dessen Einbanddeckel mit dunkelblauem Maroquinleder bezogen sind. Öffnet man das ›Buch‹ jedoch, hat man überraschenderweise eine Kassette mit losen Blättern vor sich. Der Buchbinder hatte zunächst ein ganz normales Buch hergestellt, den Einband gefertigt und den Buchschnitt vergoldet. Danach schnitt er einen kleineren Block aus dem echten Buchblock heraus und ließ rundherum einen schmalen Rand stehen. Dessen Kanten verleimte er von innen miteinander, allerdings so sorgfaltig, dass die einzelnen Blätter von außen noch als Einzelblätter zu erkennen sind. Das Innenfach der Kassette wird also durch die kleine Mauer der rundum erhaltenen Ränder des ursprünglichen Buchblockes gebildet.