Galilei, Goethe und Co. Freundschaftsbücher der Herzogin Anna Amalia Bibliothek
zurck vor

Druckwerke

In der Mitte des 16. Jahrhunderts waren es hauptsächlich Druckwerke, die zu Freundschaftsbüchern – oder Stammbüchern – umgestaltet wurden. Man ließ vom Buchbinder einem gedruckten Werk, das ursprünglich nur für die Lektüre gedacht war, zusätzliche Lagen vor- oder nachbinden, später auch den gesamten Buchblock mit Leerbögen ›durchschießen‹, wie der Fachausdruck hierfür lautet. Diese Art der Zweitverwendung war besonders in reformatorischen Kreisen üblich, was auf die Anfänge des Brauches in Wittenberg verweist.

Nutzte man anfangs noch Bücher unterschiedlichen Inhaltes, verwendete man bald auch zeittypische Bilderfolgenbücher des 16. Jahrhunderts, wie beispielsweise die Emblembücher des italienischen Humanisten Andrea Alciato. Indem sich der Eintragende konkret auf die Bilder und Texte bezog, konnte er seiner Gelehrsamkeit Ausdruck verleihen. Es gab aber auch eine weniger anspruchsvolle Kompositionsform, die den reinen Bilderschmuck, wie Putten oder Rankenwerk, in den Vordergrund rückte.

Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts druckte man, vor allem in Göttingen »bey Wiederhold«, Widmungsgraphiken, sogenannte Stammbuchkupfer, die in vorhandene Leeralben eingeklebt oder als Loseblattsammlungen herumgereicht wurden. Sie hatten Landschaftsdarstellungen zum Gegenstand oder Motive des aufkommenden Freundschaftskultes, der sich mit Tempeln, Wasserfällen, Grotten, Hainen, Friedhöfen und Ruinen eigene Orte des Erinnerns suchte.


Oct princ 1 – Heinrich Kohlhans (16. Jh.)

Oct princ 1

Heinrich Kohlhans (16. Jh.)

Laufzeit: 1540–1615

Martin Luther legte im Jahr 1541 Psalm 1,6 aus: »Es kennt der Herr den Weg der Gerechten, der Weg aber der Gottlosen vergeht« und schloss mit der Erkenntnis In fine videtur cuius toni. Dass heißt, wie bei einem Musikstück der letzte Ton die Tonart anzeigt, so erweist sich erst am Ende eines Lebens, in welchem Sinne es geführt wurde.

Die 1540 in Basel gedruckte griechische Ausgabe des Neuen Testamentes hatte mehrere Besitzer. Heinrich Kohlhans, ein Eisenacher Landrentmeister, wie der oberste Finanzbeamte und Verwalter der Landesfinanzen genannte wurde, übergab es seinem Sohn Johannes Heinrich, einem Juristen. Der wiederum schenkte das kostbare Stück seinem Taufpaten Nicodemius Lappius zum Abschied aus Weimar, bevor dieser am 7. Mai 1615 eine Pfarrstelle in Thann in der Rhön antrat.

Oct princ 2 – M. A. (16. Jh.)

Oct princ 2

M. A. (16. Jh.)

Laufzeit: 1555–1564

Von Philipp Melanchthon berichtet sein Biograph Joachim Camerarius im Jahr 1566, der Freund habe in seinen letzten Lebensjahren eine neue, wunderliche Beschäftigung begonnen. Schon vor Tagesanbruch habe der Reformator viel Mühe und Zeit darauf verwendet, in Bücher, die man ihm vorlegte, etwas einzutragen. Das heißt, Melanchthon beschrieb leere Seiten in Druckwerken mit Texten und Widmungen. Camerarius’ Bemerkung gilt als früheste datierbare Quelle über das Aufkommen von Stammbüchern. Meistens ließ Melanchthon es nicht bei kurzen Eintragungen bewenden, sondern beschrieb gleich mehrere Seiten. So auch in dieser 1554 in Leipzig erschienenen Ausgabe seiner ›Loci praecipui theologici‹, einer Schrift über die wesentlichen Grundbegriffe der Theologie.

Stb 358 – Johann Georg Böhne (16. Jh.)

Stb 358

Johann Georg Böhne (16. Jh.)

Laufzeit: 1564–1600

Der Holzschnitt illustriert die Vision des Propheten Daniel von den vier Weltreichen, dargestellt durch »vier furchtbar und schrecklich anzusehende Tiere, die alles zermalmten, und was übrig blieb, mit den Füßen zertraten« (Dan 7). Passend hierzu trug Caspar Peucer in Böhnes Stammbuch ein Gedicht seines Schwiegervaters Philipp Melanchthon ein, das dieser seinem 1543 erschienen Danielkommentar vorangestellt hatte. Die Verse stehen noch ganz unter dem Eindruck der gerade zwölf Jahre zurückliegenden Ersten Wiener Türkenbelagerung. Es beginnt:

»Wenn du die Königreiche siehst, die in furchtbaren Schreckensbildern gezeigt werden, || dann schauderst du beim Anblick solchen Leidens der Herrschaft. || Wisse, daß Gott die Welt grausamen Tyrannen untergeordnet hat || und mit Zorn alle frevelhaften Taten der Menschen trägt. [...]«

Stb 292 – Johann Ernst d. J., Herzog von Sachsen-Weimar (1594–1626)

Stb 292

Johann Ernst d. J., Herzog von Sachsen-Weimar (1594–1626)

Laufzeit: 1603–1611

Unter vielen Angehörigen des Hochadels trug sich auch Herzog Johann Friedrich von Württemberg in das Stammbuch von Johann Ernst mit dem Rat ein, dieser möge Sage au Conseil || Et vaillant au Combat – »Weise im Rat und tapfer im Kampf« sein. Zusätzlich ermahnte er ihn, Chi semina Virtù, raccoglie Fama – »Wer Tugend säet, wird Ruhm ernten«. Johann Friedrichs Mutter, Herzogin Sibylla von Württemberg, geborene Fürstin zu Anhalt, setzte ihre Devise G • V • M • G – »Gott und mein Glück« hinzu, darunter die Jahreszahl. Seine jüngere Schwester Eva Christina, spätere Markgräfin zu Brandenburg, verewigte sich mit der Bitte H • R • M • D • D • H • G – »Herr, regiere mich durch deinen heiligen Geist«. Die Lautenspielerin auf der Vignette trägt eine sogenannte Hörnerfrisur. Solche Zierbilder mit verschiedenen Motiven sind dem Album in unregelmäßigen Abständen zwischengeheftet.

Stb 124 – Johannes Schmidt (16. Jh.)

Stb 124

Johannes Schmidt (16. Jh.)

Laufzeit: 1568–1570

Diese 1564 in Lyon gedruckte Ausgabe des ›Emblematum libellus‹ von Andrea Alciato diente dem Jurastudenten Schmidt als Stammbuch.

Embleme bestehen aus Überschrift, Bild und einem poetisch-lehrreichen Text, der sich in oft rätselhafter Form auf die Überschrift und das Bild bezieht. Um das Rätsel zu lösen, sind fundierte Kenntnisse klassischer Autoren und der antiken Mythologie erforderlich. Avaritia bedeutet sowohl Gier als auch Geiz: »Ach, der elende Tantalus steht dürstend mitten im Wasser, || und kann, obgleich hungrig, die nahen Früchte nicht haben. || Die Bezeichnung geändert, wird, Geiziger, dieses von dir gesagt: || Gleichsam als hättest du’s nicht, wirst, was du hast, nicht genießen.« Die erste Eintragung bezieht sich direkt auf das Emblem. Jodocus Ruostaller datiert in Humanistenmanier, das heißt nach dem römischen Kalender: 8. Calend[as] Decemb[ris] Anno D[omi]nj 1567.

Stb 1061, Blatt 1 – C. Friedrich G. Jungklaus (?–1876)

Stb 1061, Blatt 1

C. Friedrich G. Jungklaus (?–1876)

Laufzeit: 1821–1839

Den losen Blättern dieses Albums liegt ein Brief der Witwe Auguste Concordia Jungklaus, geb. Schröder, aus dem Jahre 1876 bei. Sie schreibt an ihren gerade verstorbenen Ehemann und ruft die Erinnerung an die glückliche Zeit ihrer eigenen Eintragung vor 43 Jahren wach. Waren bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts die den Eintragungen beigefügten Illustrationen ausschließlich Unikate, so kamen zunächst in Göttingen, bald auch in anderen Städten, Serien sogenannter Stammbuchkupfer auf den Markt – oft wie hier in Form kolorierter Radierungen. Die Motive entsprachen der empfindsamen Gefühlskultur der Zeit. Man strebte »zurück zur Natur« und huldigte einem schwärmerischen Freundschaftskult. Nicht mehr ein Skelett wird als Sinnbild für den Tod eingesetzt, sondern eine schöne Göttin. Klotho, die erste der drei schicksalsbestimmenden Parzen, personifiziert den Wunsch nach einem langen Leben.

Stb 1061, Blatt 2 – C. Friedrich G. Jungklaus (?–1876)

Stb 1061, Blatt 2

C. Friedrich G. Jungklaus (?–1876)

Laufzeit: 1821–1839

Ludwig Wilhelm Wittich, Verleger, Maler und Radierer in Berlin, traf mit seinen in großer Zahl herausgegebenen Stammbuchbildern die im Biedermeier weiterlebende Sentimentalität, die sich mit Tempeln, Wasserfällen, Grotten und Hainen eigene Orte des zärtlichen Erinnerns suchte. Die neu aufkommende Behaglichkeit der Familie wird im rührenden Empfang des heimkehrenden Sohnes durch das ihm entgegeneilende Elternpaar thematisiert.

Stb 465, Blatt 1 – Johann Ferdinand Heyfelder (1798–1869)

Stb 465, Blatt 1

Johann Ferdinand Heyfelder (1798–1869)

Laufzeit: 1813–1825

Der in Küstrin geborene Heyfelder studierte Medizin in Berlin, Jena, Würzburg, Tübingen und Breslau. Nach der Promotion im Jahr 1820 bereiste er Deutschland, Österreich und Frankreich, um sich anschließend als praktischer Arzt in Trier und später in Erlangen niederzulassen. Im Jahr 1856 zog er als Hochschullehrer und Hospitalarzt nach St. Petersburg. Die letzten Monate seines Lebens verbrachte er in Wiesbaden. Auf seinen frühen Reisen führte er dieses Stammbuch in Form einer Loseblattsammlung mit sich. Sie enthält 153 sogenannte Stammbuchkupfer – eigentlich handelt es sich um Radierungen – der Göttinger Firma Wiederhold, Porträts berühmter Persönlichkeiten und Veduten. Einzelblätter hatten den Vorteil, dass der Eigner sie mit seinem Namen kennzeichnen und an mehrere Personen gleichzeitig mit der Bitte um eine Widmung austeilen konnte. Dieses Blatt zeigt eine Ansicht der Brücke über die Narva zwischen dem linken, estnischen Ufer mit der aus der Ordenszeit stammenden Hermannsfeste und dem rechten Ufer mit der russischen Festung Iwangorod.

Stb 465, Blatt 2 – Johann Ferdinand Heyfelder (1798–1869)

Stb 465, Blatt 2

Johann Ferdinand Heyfelder (1798–1869)

Laufzeit: 1813–1825

Auf der Rückseite dieses Blattes, das ein Porträt von Gustav Hugo, einem Göttinger Professor der Rechtswissenschaft zeigt, befindet sich die Eintragung eines Kommilitonen Heyfelders. Friedrich Bonsery, späterer Kriminaldirektor in Berlin, erinnert den Freund auf dieser abgebildeten Seite an viele gemeinsam mit anderen verbrachte vergnügliche Stunden in Frankfurt an der Oder, auf dem väterlichen Gut Bonserys in Clessin und vor allem am 18. und 19. Oktober 1817 auf der Wartburg. Heyfelder ergänzte die umfangreiche Erinnerung seines Freundes im Nachhinein mit der undatierten Notiz: »wiedergesehen im May in Heidelberg, nachher in Tübingen auf seiner Reise in die Schweiz.«