Galilei, Goethe und Co. Freundschaftsbücher der Herzogin Anna Amalia Bibliothek
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Studentisches Leben

Zu den beliebtesten Themen der Albumillustrationen vor allem des 18. Jahrhunderts gehören Szenen aus dem Studentenleben. Sie stellen eine wichtige Quelle der universitäts- und studentengeschichtlichen Forschung dar. Ein zentraler, immer wieder bildlich umgesetzter Stoff ist die notorische Geldknappheit der Studenten. Kein Reglement der Universität konnte verhindern, dass sie sich immer wieder hoch verschuldeten. Vergeblich versuchte man dem akademischen Nachwuchs beizubringen, dass der Zweck des Studiums nicht im Müßiggang, in kollektiven Zechgelagen oder lasterhaftem Spiel bestehe. An den Schwarzen Brettern der Universitäten wurden regelmäßig strenge Patente gegen Duelle, Gottesdienststörungen, nächtliche Tumulte oder eben gegen die anscheinend nicht einzudämmende Schuldenmacherei ausgehängt.

Die Studenten begriffen sich als Stand mit eigenem Wertesystem und besonderem Ehrenkodex. Diese Haltung manifestierte sich in der Abgrenzung gegen die Bürger, Handwerker und Scharwächter der Universitätsstadt, also im Kampf gegen die sogenannten Philister. Besonders diese Aspekte studentischen Daseins spiegeln sich in den Gouachen vor allem der Jenaer Stammbuchmaler wider. Charakteristisch für die sehr lebendig ins Bild gesetzten Szenen sind frische, klare Farben und eine einfache Darstellungsweise sowohl der menschlichen Proportionen als auch der räumlichen Perspektive.


Stb 368 – Johann Heinrich Carl Reinhard (18. Jh.)

Stb 368

Johann Heinrich Carl Reinhard (18. Jh.)

Laufzeit: 1746–1747

Väterliche Briefe standen bei Studenten aller Fakultäten und zu allen Zeiten nie besonders hoch im Kurs – es sei denn, sie brachten endlich den erwarteten Wechsel. Die Mahnung des Vaters, Sohn lerne die Geographie, wird in der Illustration recht eigenwillig interpretiert. Er zieht Sporn und Stieffeln an die Knie, sammelt sich noch mehr Reißebrüder und schreibt dem Vater, er mache sich die Welt bekant. Kirsten schreibt seinem Kommilitonen dazu ins Stammbuch: Lustig seyn ist schon erlaubt || wenn man nur die Zeit nicht raubt || die zur Wissenschaft gesetzt, konterkariert aber sofort wieder: Gönnen Dieselben Hochedler || Herr Besitzer dieses St. B. bei || Durchlesung dieser Zeilen, dero || gütiges Andencken, einem treuen || Freunde und gehorsamsten Diener, G[ottlob] W[ilhelm] Kirsten || aus dem Schwarzburg[i]s[chen]. B[eider] R[echte] B[eflissener]. 

Stb 464 – Johann Gottlieb Immanuel Schneider (18. Jh.)

Stb 464

Johann Gottlieb Immanuel Schneider (18. Jh.)

Laufzeit: 1782–1789

Als der aus Rastenburg stammende Schneider am 2. Mai 1782 in Jena immatrikuliert wurde, galt er zunächst als Fuchs und musste sich wie alle Erstsemester einem sehr ungebärdigen und grobschlächtigen Initiationsritual, der Deposition, unterwerfen. Am Ende des Studiums hatten sich zumeist enorme Schulden angehäuft: das Pferd – das Kleit – die Stieffeln. Grund genug, Blaß und zitternd einzutreten und im gleichen Zustand Jena wieder zu verlassen. Christian August Vulpius trug sich in Jena am 3. Juli 1782 in Schneiders Album ein: Wie die Blüten langsam wallen || von den grünen Baum herrab. || wie sie leise leise wallen || finden welkend sie ihr Grab, – || Lieber Freund so wallen leise || unsre Lebensjahre hin, || kurz ist unsre Lebensreise, || welkend wie das schöne Grün.

Die beiden gekreuzten Linien bilden eine sogenannte ›Charmante‹, eine verschlüsselte Widmung an eine Dame: V[ivat] M[ein] M[ädchen] J[...].

Stb 301 – Johann Sixtus Luedel (17. Jh.)

Stb 301

Johann Sixtus Luedel (17. Jh.)

Laufzeit: 1621–1629

Braut wurde die Schöne mit dem Wickelkind wohl nicht mehr. Der Student wird zwar zum Rektor zitiert, wie der Pedell, also der Hausmeister, gerade an die Stubentür schreibt, vermutlich sucht er jedoch vorher noch heimlich das Weite. Die ›Pumptafel‹ an der Wand zeigt die Forderungen von Schneider, Barbier, Wirtin, Frau Venus und anderen Gläubigern. Johannes Conrad mahnt seinen Leipziger Kommilitonen im Jahr 1626, die Hoffnung nicht aufzugeben, aber den Kelch auch bis zur Neigung zu leeren: Sperandum est. Vielleicht regnets mor-|gens Thaler. || Totum ebibe. || Wan sauffen einen Doctor macht, || So wirdt ich Doctor in ein[e]r nacht, || Aber ich glaub nicht als sein mag, || Drumb bleib ich Hans mein lebe tag. Eine fromme Unterschrift darf gleichwohl nicht fehlen. Joannes Conradi Schochrensis Misnicus || [J]esus [C]christus [S]alvator [M]eus.

Stb 299 – Johann Ernst Blume (18. Jh.)

Stb 299

Johann Ernst Blume (18. Jh.)

Laufzeit: 1749–1782

Goethe beschreibt in ›Dichtung und Wahrheit‹ unterschiedliche studentische Manieren: »In Jena und Halle war die Roheit aufs höchste gestiegen, körperliche Stärke, Fechtergewandtheit, die wildeste Selbsthilfe war dort an der Tagesordnung [...] Dagegen konnte in Leipzig ein Student kaum anders als galant sein.« Die Illustration im Stammbuch des Weimarer Kaufmannes und Hoffaktors Blume zeigt die sich wenig um stutzerhafte Manieren kümmernden Jenaer Studenten. Adolph Gottlieb Krückmann aus Templin bei Berlin, der 1737 mit zehn Jahren in das Waisenhaus August Hermann Franckes in Halle aufgenommen worden war, stellte das behagliche Zusammensein unter das Motto Es Leben Die Wie Du und Ich || Vergnügt, Verliebt und Brüderlich. Unglücklicherweise muss am Ende der Kurzweil ein Zimmerbrand gelöscht werden.

Stb 326 – August Friedrich Karl von Ziegesar (1746–1813)

Stb 326

August Friedrich Karl von Ziegesar (1746–1813)

Laufzeit: 1762–1765

Ziegesar, später Sachsen-Weimarischer Generallandschaftsdirektor und Wirklicher Geheimer Rat in Gotha, studierte zunächst in Jena Rechtswissenschaft. Sein Kommilitone, Johann Friedrich Gottlieb Lüttich aus Frohndorf im Weimarer Land, verewigte sich zum geneigten Andencken am 17. Juli 1764 in Jena mit einem Vers des gefeierten Dichters und Moralphilosophen Christian Fürchtegott Gellert: Das, was den Menschenfreund beherrscht, ist ein gerecht Bestreben, || so treu, als er sich lebt, der gantzen Welt zu leben. Im darauffolgenden Jahr sollte auch Goethe zu Gellerts faszinierten Hörern gehören: »Die Verehrung und Liebe, welche Gellert von allen jungen Leuten genoß, war außerordentlich.« Die Illustration zeigt die schöne Seite des Jenenser Studentenlebens; das Rautal war und ist ein beliebtes Ausflugsziel im Norden Jenas, mit stillen Wäldern und zum Teil noch heute unberührter Vegetation.

Stb 459 – Johann Daniel Spies (18. Jh.)

Stb 459

Johann Daniel Spies (18. Jh.)

Laufzeit: 1762–1767

Die Jenaer ›Renommisten‹ waren als geübte Fechter gefürchtet. Sie gingen auch keiner Auseinandersetzung mit den sogenannten ›Schnurren‹ aus dem Wege, wie die Verse von J[ohannes] C[hristoph] Kuchenbecker zeigen, die er am 17. September 1763 seinem Allerliebsten Herrn Bruder widmet: Komm Hauptmann von Kapernaum, || und prügle unsere Schnurren herum! || Präg Ihnen beßre Mores ein, || So solst du Obrist Lieutnant seyn. Die mit einer ›Schnurre‹ oder ›Knarre‹ bewaffneten Schar- oder Nachtwächter der Universitätsstadt wurden permanent von den Studenten bekämpft und Siege über sie mit großen Gelagen gefeiert. Der Spruch In Leipzig sucht der Bursch die Mädgen zubetrügen – In Halle muckert er u. seuffzet ach! u. weh – In Jena will er stets vor blancker Klinge liegen – der Wittenberger bringt ein à bonne Amitié findet sich häufig in Stammbüchern.

Stb 963, Blatt 1 – Marie Blümler (1812–?)

Stb 963, Blatt 1

Marie Blümler (1812–?)

Laufzeit: 1827–1842

Dieses Titelblatt mit der aquarellierten Rosenranke wurde wahrscheinlich von der Eignerin der Stammbuchkassette selbst angefertigt und der Loseblattsammlung vorangestellt.

Stb 963, Blatt 2 – Marie Blümler (1812–?)

Stb 963, Blatt 2

Marie Blümler (1812–?)

Laufzeit: 1827–1842

Oft tauschten Verbindungsstudenten untereinander kleine Stücke ihres Burschenbandes aus, sogenannte Zipfel. Dieser Tausch diente der Visualisierung bereits erworbenen Sozialkapitals, denn je mehr Zipfel man am Zipfelbund vorwies, auf desto mehr ›Freunde‹ konnte man sich verlassen. Man konnte aber auch Teile des Burschenbandes einer verehrten Dame schenken, wie in diesem Fall. Der Pfungstädter Medizinstudent Ferdinand Lichtenberg verehrte das Band des – ursprünglich Teutonia genannten – Gießener Corps Starkenburgia II der 1812 geborenen Marie Blümler: Wall’, o Freundin! die Pilgertage || Unter Blumen und Gesang dahin, || Und es trübe niemals Trennungsklage || Deines Herzens heitern Sinn. Hinter den sonst bei Corps nicht gebräuchlichen drei Ausrufezeichen könnte sich die burschenschaftliche Devise ›Ehre! Freiheit! Vaterland!‹ verbergen. Darunter ist der sogenannte Zirkel, das Erkennungsmonogramm der Teutonia zu sehen.

Stb 582 – Christian Wilhelm Wiegand (1788–1867)

Stb 582

Christian Wilhelm Wiegand (1788–1867)

Laufzeit: 1810–1817; 1859–1935

Ein Lehrerseminar war zu Beginn des 19. Jahrhunderts kein Hort der demokratischen Freiheitsliebe oder gar des Aufruhrs, an dem sich Burschenschaften hätten etablieren können. Unter den Freunden und Kommilitonen des Lehrerseminars Weißenfels wurden dementsprechend keine Fuchsen- oder Burschenbänder ausgetauscht.

Also sammelte der spätere Kantor und Knabenlehrer in Langensalza, Christian Wilhelm Wiegand – Stückchen der Brautstrumpfbänder seiner drei Schwestern.