Galilei, Goethe und Co. Freundschaftsbücher der Herzogin Anna Amalia Bibliothek
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Künstlerbilder

Häufig sind in Stammbüchern sogenannte Veduten überliefert, also Miniaturen mit Darstellungen von Ortsansichten. Diesen zumeist von einheimischen Künstlern ausgeführten Ansichten darf man nicht die realistische Genauigkeit einer photographischen Dokumentation unterstellen. Aus lokalhistorischer Sicht sind sie aber von großem Wert, da sie oft mit dem Datum der Eintragung versehen sind. Und weil die zugehörigen Widmungen zumeist auch lokalisiert sind, fällt es nicht schwer, auch bei ungewöhnlicher Perspektive den abgebildeten Ort zu erkennen.

Bildnerische Darstellungen haben in Alben aus dem Künstlermilieu eine zentrale Funktion. Während die Illustration im Vordergrund steht, kann die Widmung an Bedeutung verlieren. Oft ersetzt das Bild die Eintragung und ist nur knapp oder gar nicht signiert. Ebenso können direkt an den Empfänger gerichtete Textelemente sowie Datum und Ort fehlen. In manchen Fällen gelingt es, eine anonyme Illustration auf das Vorbild eines bekannten Künstlers zurückzuführen. Die Kopie kann sich dabei einer anderen Technik bedienen als das Urbild. So gibt es Beispiele von Federzeichnungen, die über den Umweg des Kupferstiches am Ende als farbige Gouache im Stammbuch zu finden sind. Aber auch der umgekehrte Fall ist anzutreffen, in dem Radierungen eines berühmten Künstlers als Vorlagen für direkt in das Stammbuch eingetragene Federzeichnungen dienten.


Stb 66 – Johann Philipp Heerbrand (17. Jh.)

Stb 66

Johann Philipp Heerbrand (17. Jh.)

Laufzeit: 1649–1653

Heerbrand, Schultheiß und Regimentssekretär, führte sein Stammbuch, das kurz nach dem Westfälischen Friedensschluss beginnt, vier Jahre lang. Die meisten Einträge und Wappen stammen von angesehenen Regimentsmitgliedern. Charakteristisch für die Zeit ist diese Gouache mit einer Szene aus dem Kavaliersleben nach dem Vorbild einer Federzeichnung von Jean de Saint-Igny mit dem Titel ›Les Fumeurs‹, die sich heute in der Eremitage in St. Petersburg befindet.

Der Trinkspruch auf der gegenüberliegenden Seite erläutert die Szene: Trinckh ich wasser so henckh ichs Maul, || Trinckh ich bier so werd ich faul, || Trinckh ich Wein so werd ich foll, || Ich weiß nit was ich trinckhen soll. || Zu friedlichem Angedenckhen! || dem Herrn Regimends Schulz || J. Helpenstein Obrister Co || m[anu]p[ropria]

Stb 901a – Georg Ludwig Zorer (1608–1667)

Stb 901a

Georg Ludwig Zorer (1608–1667)

Laufzeit: 1623–1634

Ausgesprochen selten sind Werke von bekannten oder gar berühmten Künstlern in Stammbüchern zu finden. Eine nicht signierte Federzeichnung kopiert Rembrandts Radierung »Schreiender Mann mit Pelzkappe«. Das um 1629 entstandene Original ist kaum größer als eine Briefmarke. Der Rahmen mit dem Rollwerk, das oben einen Katzenkopf bildet, wurde von dem unbekannten Zeichner hinzugefügt. Bemerkenswert ist der Umstand, dass das Porträt mit der Feder direkt in Zorers Stammbuch gezeichnet wurde und nicht auf ein Einzelblatt, das man anschließend eingeklebt hätte. Es sind keinerlei Verbesserungen oder nachträgliche Retuschen zu sehen.

Stb 375 – Johann Georg Volckamer (1616–1693)

Stb 375

Johann Georg Volckamer (1616–1693)

Laufzeit: 1639–1645

Der angehende Mediziner Volckamer aus Nürnberg wurde 1641 in Altdorf zum Dr. med. promoviert. Seine Bildungsreise führte ihn auch an die Universität Padua. Dort trug sich am 28. Februar 1640 sein Kommilitone Johann Philipp Persius von Lonsdorff aus Linz ein, der spätere Stadtarzt von Ödenburg (Sopron). Der in vier Felder geteilte Schild seines Wappens zeigt in Feld eins und vier auf Rubinrot einen silbernen Adler, in Feld zwei und drei auf Blau einen sogenannten Trifrons, also ein Porträt, welches dasselbe Gesicht von vorne und zweimal im Profil zeigt. Diesem durch Adelsbrief vom 23. Februar 1623 verliehenen Wappen fügte Persius als Herzschild das alte Lonsdorfer Wappen hinzu. Außerdem ließ er den Ponte di Rialto, eines der berühmtesten Bauwerke Venedigs, in das Stammbuch seines angehenden Kollegen malen.

Stb 476 – Johannes Friedrich Klingender (1747–1829)

Stb 476

Johannes Friedrich Klingender (1747–1829)

Laufzeit: 1765–1787; 1817

Klingender studierte Theologie in Basel, Lausanne und Genf. In Kassel wirkte er bis zu seinem Tode als französischer Pfarrer und Professor und war dort auch Mitglied der Freimaurerloge ›Friedrich von der Freundschaft‹. Er war verheiratet mit Amalie, der Tochter des Malers Johann Heinrich Tischbein d.Ä., der wiederum der Kasseler Loge ›Zum gekrönten Löwen‹ angehörte. Konrad Daniel Eskuche aus Hessen-Kassel verewigte sich im Stammbuch seines Schwagers am 3. September 1770 mit einem Zitat von Thomas Morus und einem Grundriss der Quadratestadt, der einem bekannten Kupferstich von Josef Anton Baertels aus dem Jahr 1758 nachempfunden ist. Ende des 18. Jahrhunderts wurden die einzelnen Straßenquadrate alphabetisch geordnet, und seitdem gibt es in der Mannheimer Innenstadt keine Straßennamen, sondern nur Bezeichnungen wie beispielsweise R 4, 22.

Stb 325 – Johann Christoph Dorsch (1676–1732)

Stb 325

Johann Christoph Dorsch (1676–1732)

Laufzeit: 1722–1731

Dorsch war ein berühmter Nürnberger Edelsteinschneider. Der Bremer Arzt Nikolaus Meyer berichtet in einem Brief vom 24. August 1801 an Goethe, er habe das wertvolle Stammbuch von Dorsch im Besitz der Frau Stein [der Enkelin von Dorsch] in Nürnberg entdeckt. Der Weimarer Erbgroßherzog Carl Friedrich veranlasste den Ankauf für vier Carolinen und überwies das Buch an die Bibliothek, wo es in die vorhandene Sammlung aufgenommen wurde.

Die Malerei des Nürnberger Künstlers Johann Adam Delsenbach zeigt ein Liebespaar. Darunter signierte der Künstler: Con questo poco voleva racom[m]andarsi nella Memoria || del Nobilissimo Possesóre di questo libro; il Suo Amico é Servidore || Norimberga agli, 6, di Novembre, || nell Anno 1723 || Giovanni Adamo Delsenbach.

Stb 94 – Johann Biermann jun. (17. Jh.)

Stb 94

Johann Biermann jun. (17. Jh.)

Laufzeit: 1685–1695

Schon Vater und Großvater Johann Biermanns aus Augsburg waren Apotheker. Auch Biermann jun. ergriff diesen Beruf und ging auf eine lange Wanderschaft. Sein Weg führte ihn bis Venedig, wo er sich von 1694 bis 1695 als Apothekergeselle niederließ. Aus Venedig stammen einige Widmungen mit bemerkenswerten Illustrationen. Die Kohlezeichnung von 1694 von Giovanni Christoforo Sorer stellt eine weibliche Allegorie der Malerei (allegoria della pittura) dar.