Galilei, Goethe und Co. Freundschaftsbücher der Herzogin Anna Amalia Bibliothek
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Spiegel der Gesellschaft

Freundschaftsbücher können als Spiegel der Gesellschaft gelten, was sich anhand vieler Eintragungen belegen lässt. Gesellschaftliche Zustände und historische Ereignisse wurden aber auch illustriert und in Bilder umgesetzt. Bemerkenswert sind die in Alben des ausgehenden 16. Jahrhunderts vermehrt vorkommenden Narrenszenen. Dabei handelt es sich um Stammbücher, die hauptsächlich Eintragungen aus Nürnberg enthalten.

Durch den Dichter Hans Sachs wurde Nürnberg zum wichtigsten Zentrum der Fastnachtsspieltradition. Am Vorabend der Fastenzeit bildete von 1449 bis 1539 der sogenannte Schembartlauf mit dem zentralen Zämertanz der Metzgergesellen alljährlich den gesellschaftlichen Höhepunkt. Das Recht, daran teilzunehmen, verkauften die Metzger an die Patriziersöhne der Stadt. Dem Narren mit der Schellenkappe kommt eine Schlüsselposition zu, da er außerhalb der Gesellschaft steht und ihr Treiben nicht nur beobachten und kommentieren, sondern durch sein Spiel auch dirigieren kann.

Eine weitere Seite der gesellschaftlichen Realität spiegelt sich in Miniaturen, die revolutionäre Ereignisse oder kriegerische Auseinandersetzungen thematisieren. Handelt es sich bei diesen Illustrationen um programmatische Hinzufügungen zu den entsprechenden Texten, so findet man in Poesiealben der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts auch Abbildungen, die nationalsozialistisches Gedankengut transportieren, unvermittelt als Beigabe zu Sprüchen im Stil von »Rosen, Tulpen, Nelken«.


Stb 485 – Ludwig Maurer (18. Jh.)

Stb 485

Ludwig Maurer (18. Jh.)

Laufzeit: 1791–1797

Die abgebildete Allegorie im Freundschaftsbuch des Uhrmachergesellen Maurer lässt den Betrachter zunächst an die Französische Revolution denken. Aber der dazugehörige Text lautet: »Freiheit oder Tod ist die Devise von François Favre, Bürger der Republik Genf, am 20. Dezember des Jahres 1782.« Gemeint ist also die Genfer Revolution, die am 9. April zu einem Sturz der Genfer Regierung geführt hatte. Auf Bitten der Gestürzten rückte ein über 10000 Mann starkes Heer von Franzosen, Bernern und Sardiniern in die Stadt ein und stellte den alten Zustand bereits im Juli 1782 wieder her. Erst die Französische Revolution brachte die Genfer Aristokratie zum Nachgeben. Hoffentlich erlebte der Einträger, François Favre, noch den 22. März 1791, den Tag, an dem seine Heimatstadt eine freiheitliche Verfassung erhielt.

Stb 451 – Caroline Riemer (1790–1855)

Stb 451

Caroline Riemer (1790–1855)

Laufzeit: 1813–1852

Diese Freiwilligen Jäger in ihrer charakteristischen dunkelgrünen Litewka genießen ihre momentane Freiheit: Geld in der Tasche || Schnaps in der Flasche || Und gutes schwarzes Brodt || Kuriren alle Noth || Hier blühen Keine Gänseleberpasteten || Freilich kein Berkaischer Schnurps.

Schnurps, Schnorps oder Schnarps ist ein in Thüringen üblicher Ausdruck für ein Kartenspiel, das noch heute gespielt wird. Die nicht blühenden Gänseleberpasteten dürften auf die in der Völkerschlacht bei Leipzig in die Flucht geschlagenen Franzosen anspielen.

Caroline Ulrich, seit 1808 Gesellschafterin Christianes im Haus am Frauenplan, ersetzte, als fast alle männlichen Mitarbeiter Goethes 1813/1814 in den Krieg gezogen waren, den Sekretär und heiratete 1814 Hofrat Friedrich Wilhelm Riemer, den Vertrauten und eigentlichen Sekretär Goethes. Geheimnisvoll bleibt die ihr von Groß zugeeignete Widmung.

Stb 306 – Melchior Pfintzing von Henfenfeld (1577–1598)

Stb 306

Melchior Pfintzing von Henfenfeld (1577–1598)

Laufzeit: 1591–1596

Interessiert schaut der Narr im Stammbuch des Nürnberger Patriziers Pfintzing von Henfenfeld, das dieser während seines Studiums in Jena führte, dem Treiben der feinen Gesellschaft zu. Alle Personen gehören demselben vornehmen Stand an, zu dem sich auch der Eigner des Albums zählen durfte. Die Dame in der Mitte tritt einem Kavaliere auf den Fuß, gibt dem anderen die Hand und äugelt unmissverständlich mit dem dritten Herrn. Im 16. Jahrhundert verstand fast jeder diese Anspielung auf die Sprüche Salomos: »Ein Nichtsnutz, wer mit den Augen zwinkert, mit den Füßen deutet, Zeichen gibt mit den Fingern« (Spr 6,12–13).

Stb 117 – Johann Carl Coler (1619–?)

Stb 117

Johann Carl Coler (1619–?)

Laufzeit: 1640–1653

Nicht nur in hochstehenden Kreisen, sondern auch unter einfacheren Bürgern werden die Herren an der Nase herumgeführt. Eine solche Szene ist im Album des weitgereisten Amberger Medizinstudenten Coler zu entdecken, den sein Weg von Flandern über Ungarn und Polen bis ins Baltikum führte. In Preßburg (Bratislava) warnte der Pharmaziestudent Isaac Posch seinen Kommilitonen am 13. Mai 1641: Händt geben, Füß treten, vnd Anlachen, die drey kan ein Jungfrau Zu naren machen.

Stb 816 – Ingrid … (20. Jh.)

Stb 816

Ingrid … (20. Jh.)

Laufzeit: 1934–1938

Glanz-, Lack-, Stanz- oder Pressbild – für Oblaten gibt es verschiedene Ausdrücke. Es handelt sich um chromlithographierte, geprägte und gestanzte Bildchen unterschiedlicher Größe, die als vollrandige oder teilgestanzte Szenen mit mehreren Teilen oder als Einzelstücke bogenweise hergestellt werden. Sie erfreuten sich mit verschiedenen Motiven großer Beliebtheit, vor allem natürlich Blumen in den unterschiedlichen Ausführungen, Tiere, Kinder- und Zirkusszenen, Märchenfiguren, aber auch Motive aus der Technik wie Eisenbahnen und Dampfschiffe. Hinzu kamen exotische oder auch, wie in diesem Album einer Schülerin aus Dresden, nationalistische Motive. So findet sich auch diese Oblate mit einem Hakenkreuz recht unvermittelt als Beigabe zu einem Spruch.

Stb 350 – Heinrich Schrötter (16. Jh.)

Stb 350

Heinrich Schrötter (16. Jh.)

Laufzeit: 1580–1587

Die Kappe gehört zu den wichtigsten Attributen des Narren. Vorbild war die Gugel, eine ab dem 14. Jahrhundert übliche, auch Hals und Schultern schützende Kopfbedeckung der Männer, die in der Kapuze der Mönche erhalten blieb. Um sich den frommen Mönchen bewusst gegenüberzustellen, verlängerte der Narr den Kapuzenzipfel ins Lächerliche. Im Laufe der Zeit wurden daraus zwei Zipfel, die später noch mit Schellen verziert wurden. Das Mi-parti, also die vertikale Zweiteilung eines Gewandstückes in verschiedene Farben, ist für die Kleidung des Narren charakteristisch. Am rechten Bildrand ist ein Mann mit rot-grün geteilten Beinkleidern zusehen, zum Narren fehlt ihm nur noch die Kappe. Beobachtet wird die Szenerie wiederum von einem Narren, der – rotgewandet – hinter der Bude hervorlugt.

Stb 356 – Jakob Welser von Wunderburg (1576–1645)

Stb 356

Jakob Welser von Wunderburg (1576–1645)

Laufzeit: 1591–1596

Jakob Welser stammte aus der berühmten Kaufmannsfamilie der Welser, die 1493 in Nürnberg eine Niederlassung gegründet hatte. Vier Jahre vor seiner Geburt hatte die Familie das Gut Wunderburg von den Pfintzing erworben, weswegen er sich auch Welser von Wunderburg nannte. Sein Stammbuch enthält ausschließlich Eintragungen aus Nürnberg, die meisten mit Wappen versehen, aber auch viele Mummenschanz- und Narrenbilder. In Nürnberg gab es von 1449–1539 den sogenannten Schembartlauf mit dem zentralen Zämertanz der Metzgergesellen. Die Patriziersöhne der Stadt erkauften von den Metzgern das Recht zur Teilnahme und somit das Recht zum Tragen einer Maske (Scheme). Die vornehme Gesellschaft frönt diesem Brauch der phantasievollen Selbstdarstellung: Ein Narr spielt ihnen auf.