Galilei, Goethe und Co. Freundschaftsbücher der Herzogin Anna Amalia Bibliothek
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Porträts

Die Illustrationen in einem Stammbuch wurden meistens nicht von derselben Person angefertigt, von der die jeweils danebenstehende Widmung stammt.

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts sind Maler und Zeichner in den meisten Fällen nicht identisch mit dem Einträger. Er erwarb oft eine bereits seriell vorgefertigte Miniatur und klebte sie neben seinen Text, oder er gab das Album einem Künstler mit dem Auftrag, ein Bild einzumalen. Viele Alben wurden bereits mit Miniaturen versehen in Umlauf gebracht, so dass der Einträger sich ein bestimmtes Motiv aussuchen konnte, neben welches er seine Widmung setzte.

Eine persönliche Bildbeigabe stellen dagegen Porträts dar. Allerdings sind die im 17. Jahrhundert häufig anzutreffenden Druckgraphiken, also Stiche und Radierungen, nicht unbedingt als Gabe des jeweiligen Einträgers zu verstehen. Sie wurden häufig nachträglich vom Eigner den Widmungen hinzugefügt, was besonders dann gilt, wenn diese von berühmten Persönlichkeiten eingetragen worden waren.

Ausgesprochen selten sind in Stammbüchern gemalte Porträts enthalten. Sie zeugen von der ganz besonderen Wertschätzung, die der Porträtierte dem Besitzer des Albums entgegenbrachte, indem er dem Text sein eigenes Konterfei hinzufügte. Durch ein solches Bildnis wurde eine sehr persönliche Verbindung zwischen Geber und Empfänger hergestellt. Viel mehr als jeder Text kann das Porträt des Einträgers jederzeit die Erinnerung an ihn hervorrufen. Häufig tritt neben einem Porträt die Widmung völlig in den Hintergrund oder besteht sogar nur noch in der beigefügten Unterschrift. Die ›Präsens‹ des Dargestellten ersetzt die persönliche Eintragung.


Stb 357 – Carl Pfintzing von Henfenfeld (1578–1629)

Stb 357

Carl Pfintzing von Henfenfeld (1578–1629)

Laufzeit: 1593–1620

Ob der Nürnberger Patrizier Pfintzing auf seinen Reisen bis nach Konstantinopel kam, lässt sich aus seinem Album, das neben Eintragungen aus Nürnberg, Stuttgart und Tübingen auch solche aus Verona und Venedig enthält, nicht erschließen. Ein Hinweis auf einen Aufenthalt am Bosporus könnte dieses Porträt eines türkischen Sultans sein, das sich ganz vorne an prominenter Stelle des Stammbuches befindet. Eine Notiz belehrt uns über den Dargestellten: Soldan Amurath der dritt des Namen Vnd izt Regierender Turchischer Kaisser der XIIII. In 1594. Jahr. Bestätigend steht auf dem Rand des Porträts SOLDAN und von anderer Hand AMURAT .3. Tatsächlich handelt es sich um ein wirklichkeitsgetreues Abbild des Sultans Murad III., der ab 1574 bis zu seinem Tode als 12. Kaiser über das Osmanenreich herrschte – nicht als 14., wie die Inschrift lautet.

Stb 474 – August Erich (1591–1670)

Stb 474

August Erich (1591–1670)

Laufzeit: 1615–1662; 1718

Der Kunstmaler Erich, Sohn eines Apothekers, studierte nach dem Besuch der Eisenacher Lateinschule Malerei in Nürnberg und Augsburg. Anschließend wirkte er an verschiedenen Residenzen als Hofmaler, unter anderem in Hessen-Kassel bei Landgraf Moritz und dessen Sohn Wilhelm V. sowie in Kopenhagen am Hofe Christians IV. Nach vorübergehendem Aufenthalt in Leitmeritz zog es ihn wieder zurück nach Eisenach, wo er 1639 Ratsherr, 1649 Stadtkämmerer und 1654 Stadtbaumeister wurde. Während seiner Reisen und noch lange danach führte er dieses Stammbuch, in dem ihn viele der Einträger mit Apelles, einem der bekanntesten Maler des Altertums und Liebling Alexanders des Großen, vergleichen. In Güstrow trug sich im Jahr 1619 Elisabet Simsons ein, die offensichtlich nicht nur mit dem Mund schrieb, sondern auch malte.

Stb 371 – Jobst Friedrich Tetzel (1556–1612)

Stb 371

Jobst Friedrich Tetzel (1556–1612)

Laufzeit: 1568; 1573–1574; 1590–1618

Würdevoll tritt uns in Tetzels Album der im Wintersemester 1573 als Leipziger Universitätsrektor amtierende Theologe Zacharias Schilter entgegen. Schilter blieb seiner Heimatstadt Leipzig und der Universität sein Leben lang verbunden. Er starb an einem Herzinfarkt und wurde am 6. Juli 1604 in der Leipziger Paulinerkirche beigesetzt. Sie war 1545 von Martin Luther als evangelische Universitätskirche geweiht worden und diente jahrhundertelang der Universität als Begräbnisstätte. Schilters Grab war wie die anderen der über fünfhundert Grablegen in der Paulinerkirche bis zum 30. Mai 1968 völlig unversehrt.

Gegenüber ließ Christoph Rülcke a Gamlitz aus der sächsischen Familie Rülcke, welcher auch der Dichter Rainer Maria Rilke angehörte, sein Wappen malen. Das gleiche Wappen befindet sich auf dem Grabstein des Dichters im schweizerischen Raron.

Stb 404 – Johannes Jakob Bentz (1637–1694)

Stb 404

Johannes Jakob Bentz (1637–1694)

Laufzeit: 1652–1693

Bentz wurde 1661 an der Wittenberger Universität immatrikuliert. Sein Stammbuch ist eines der umfangreichsten und kostbarsten der Weimarer Sammlung. Neben 341 Eintragungen in sieben verschiedenen Sprachen und in 34 Orten enthält es 39 Porträts, 16 Zeichnungen, 14 Aquarelle und Gouachen, 20 Kupferstiche sowie 27 Wappen. Unter den Einträgern sind viele bekannte Namen von Dichtern, Herzögen, Angehörigen des Nürnberger Patriziats und Professoren verschiedener Universitäten zu finden. Georg Andreas Endter, Mitglied der Verlegerfamilie Endter, deren berühmte Bibeldrucke von Nürnberg aus in die ganze Welt verkauft wurden, trug sich am 12. November 1690 in das Stammbuch von Bentz ein. Ohne weitere Notiz befindet sich diese Rötelzeichnung, die ein Porträt von Anna Sibylla Merian zeigt, auf der gegenüberliegenden Seite.

Stb 551 – Franziska Voigt (1841–?)

Stb 551

Franziska Voigt (1841–?)

Laufzeit: 1855–1862

Einen sanften Anblick bietet die junge Dame auf der Photographie im Album der 1841 geborenen Franziska Voigt. Carl Schenk aus Jena, der Lichtbildner, wie sich die Photographen der ersten Stunde nannten, verdiente zunächst sein Brot als Maler. Am 7. Juni 1853 veröffentlichte er in den ›Blättern von der Saale‹ eine Anzeige, er habe »ein Atelier für unveränderliche Lichtbilder auf Papier eröffnet«, das sich »hinter der Rinne vis-à-vis dem academischen Brauhause« befinde. Der Preis eines Porträts betrage »2 bis 6 Thaler«, die Sitzung dauere »15–30 Secunden.« Dies ist der früheste Beleg eines niedergelassenen Photographen in Jena. Bereits im Folgejahr konnte er am 24. Januar in den ›Blättern‹ annoncieren, er fertige auch Landschaftsphotographien und Reproduktionsphotographien von Gemälden und Kunstwerken an, sowohl in Schwarzweiß als auch koloriert. Mit einer leichten Kolorierung ist auch dieses Porträt versehen.