Galilei, Goethe und Co. Freundschaftsbücher der Herzogin Anna Amalia Bibliothek
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Lebensläufe

Ein Kennzeichen des Freundschaftsbuches ist seine ›Mobilität‹. Die weitaus meisten Alben wurden von Personen geführt, die sich auf Reisen befanden: Entweder als Nachkommen des hohen und niederen Adels auf einer sogenannten Kavalierstour oder als Student auf Bildungsreise, der ›peregrinatio academica‹. Wieder zu Hause angekommen, wurde das Stammbuch nur noch von Zeit zu Zeit hervorgeholt. Entweder, um es Dritten zu zeigen, die man durch den Bekanntheitsgrad der darin versammelten Namen beeindrucken wollte, oder um Informationen über den weiteren Werdegang oder den Tod eines Einträgers hinzuzufügen.

Die über den Tag der Eintragung hinausreichenden Spuren eines Lebens bergen oft Unerwartetes. Sind es doch nicht die alltäglichen Begebenheiten, die nachträglich verzeichnet werden, sondern die im wörtlichen Sinne besonders merkwürdigen Ereignisse oder Wendungen im Lebenslauf eines ehemaligen Weggefährten.

Unvergesslich schildert Wilhelm Hauff in den ›Phantasien im Bremer Ratskeller‹, wie der Großvater des Erzählers den Tod eines Freundes vermerkt: »[...] noch jetzt, als wäre es gestern geschehen, sehe ich sein großes blaues Auge sinnend auf den vergilbten Blättern seines Stammbuchs weilen; und wie deutlich sehe ich, wie dieses Auge nach und nach sich füllt, wie eine Träne in den grauen Wimpern zittert, wie der gebietende Mund sich zusammenpreßt, wie der alte Herr langsam und zögernd die Feder ergreift und ›einem seiner Brüder, der geschieden,‹ das schwarze Kreuz unter den Namen malt.«


Stb 1011 – Ida Hartsch (19. Jh.)

Stb 1011

Ida Hartsch (19. Jh.)

Laufzeit: 1834–1841

Einer Braut gilt – im Nachhinein – die Widmung, die Ida Hartsch am 4. April des Jahres 1839 in Breslau erhielt: Die Vorsicht, Freundin! hat uns geschieden || Doch weil sie’s that, bin ich zufrieden, || Du denkst gewiß abwesend mein, || Und mein Herz bleibt ewig Dein. Auch du, liebe Ida, gedenke zuweilen in der Ferne deines dich herzlich liebenden Freundes und Cousins Carl Ruschke. Allerdings dauerte es danach noch fast zehn Jahre, bis der Einträger seinen eigenen Zeilen den glückseligen Ausruf hinzufügen konnte: Eine Zeitlang stiller Liebhaber jetzt || »Bräutigam«!! || W[ittstock] d. 5/1 1849. Die ›Renovatio‹ einer Stammbucheintragung, also die Erneuerung nach mehreren Jahren, wenn sich Eigner und Einträger wieder treffen, ist nicht unüblich. Selten allerdings erlaubt sie den Blick auf ein so voller Dankbarkeit und froh empfundenes großes Glück.

Stb 610 – Johann Georg Eck (1745–1808)

Stb 610

Johann Georg Eck (1745–1808)

Laufzeit: 1764–1775; 1800

Mendelssohn, Gellert, Kleist – die Reihe der illustren Namen im Freundschaftsbuch des Freimaurers Eck ließe sich noch lange fortsetzen, mit einer Einschränkung: Bei der angeblichen Eintragung von Kleist handelt es sich nur um die letzte Zeile aus Ewald von Kleists Gedicht, das dieser – zehn Jahre verfrüht schon 1758 – zum vermeintlichen Hinscheiden Gellerts verfasst hatte: »Als jüngst des Todes Pfeil, o Gellert, dich getroffen, Klagt ich und weint, und sah den Himmel plötzlich offen; Auch den belebten Raum der weiten Welt sah ich:«

Die Erde weinete, der Himmel freute sich. Diese letzte Zeile schrieb Eck nun zum tatsächlichen Tode Gellerts am 13. Dezember 1769 unter dessen eigenhändige Widmung vom 2. Juni 1764. Auf der linken Seite zitiert Christian Felix Weiße, ein bedeutender Vertreter der Aufklärung und Gründer der ersten deutschen Kinderzeitschrift, vier Verse aus dem ›Temple of Fame‹ von Alexander Pope.

Stb 669 – Carl Musäus (1772–1831)

Stb 669

Carl Musäus (1772–1831)

Laufzeit: 1787–1821

Musäus wurde nach beendetem Jurastudium zum russischen Hofrat in St. Petersburg ernannt. Nachdem er den russischen Staatsdienst quittiert hatte, lebte er bis zu seinem Tode in Ilmenau. Viele Eintragungen seines Freundschaftsbuches versah er nachträglich mit biographischen Notizen zum späteren Schicksal der Einträger und mit Sterbekreuzen. Unter die Widmung Behalten Sie, lieber Vetter in gutem Andencken Ihren ergebenen Kotzebue schrieb er: Ging an eben diesem Tage zurück nach Reval. August von Kotzebue veröffentlichte Schriften gegen politischen Liberalismus. Der Theologiestudent Karl Ludwig Sand erstach Kotzebue am 23. März 1819 in dessen Mannheimer Wohnhaus. Musäus notierte: Fiel zu Mannheim durch die Hand eines Studenten Sand d. 23stn März 1819. Am 20. Mai 1820 wurde Sand hingerichtet. Die Gräber von Kotzebue und Sand befinden sich nicht weit voneinander auf dem Mannheimer Hauptfriedhof im Stadtteil Wohlgelegen.

Stb 559, Blatt 1 – Ernestine Flachsland (19. Jh.)

Stb 559, Blatt 1

Ernestine Flachsland (19. Jh.)

Laufzeit: 1804–1816

Im Stammbuch der späteren Frau von Zech befinden sich zwei undatierte Brieffragmente, geschrieben von einer Großnichte der Eignerin. Die Schriftstücke beziehen sich auf die dabeiliegende Silhouette des am 26. Mai 1828 in Nürnberg aufgetauchten Kaspar Hauser. Im ersten Brief befasst sich die Schreiberin mit der Herkunft des Albums. Der zweite Brief beschäftigt sich mit Kaspar Hausers Herkunft. Die Briefe sind bei den beiden folgenden Exponaten vollständig transkribiert.

Stb 559, Blatt 2 – Ernestine Flachsland (19. Jh.)

Stb 559, Blatt 2

Ernestine Flachsland (19. Jh.)

Laufzeit: 1804–1816

Erster Brief: »Ich hatte einen Brief der Urgroßmutter worin sie über Caroline Fl. und Herder schreibt, habe ich den Verwandten gegeben, damit er nach meinem Tod nicht zerissen wird und weiß selbst nicht so viel über Flachslands. Es existieren noch von Flachsland in Carlsruhe: Luise Freiin Geyer von Geyersberg spätere Gräfin von Hochberg (1768–1826) von der die jetzigen abgedankte badische Großherzogl Linie also Großherzog Friedrich und Prinz Max v. Baden abstammen Die Ehe war morganatisch gewesen, also unebenbürtig wurden aber durch Erlaß von Großherzog Carl | 1786–1818 des Vaters von Caspar Hauser ...« – hier bricht der Brief ab.

Stb 559, Blatt 3 – Ernestine Flachsland (19. Jh.)

Stb 559, Blatt 3

Ernestine Flachsland (19. Jh.)

Laufzeit: 1804–1816

Zweiter Brief: »Das unselige Geheimniß wer nun eigentlich Caspar Hauser wirklich gewesen ist, sieht in der Gräfin Luise von Hochberg die Urheberin des Verschwindens des kleinen badischen Erbprinzen u. die Gräfin Douglas soll es November 1918 mit dem Ausbruch der Revolution aus der alten Großherzogin Louise v. B. eigenem Munde gehört haben, dieses Unheil komme aus dem Fluch Caspar Hausers, der sich nun erfülle! Immerhin interessante Rückblicke, die einem das reizende Silhouettenköpfchen der Gräfin Amelie v. Hochberg bringt. Mit vorzüglicher Hochachtung Freiin W[ilhelmine] von Preuschen.«

Stb 57 – Michael Schölkopf (1689–1752)

Stb 57

Michael Schölkopf (1689–1752)

Laufzeit: 1712–1724

Während seines Theologiestudiums in Wittenberg begann der aus Geislingen an der Steige stammende Schölkopf dieses Stammbuch zu führen. Auf den vorderen Seiten befindet sich ein ausführlicher Bericht des Sammlers Christian Ulrich Wagner über den als sehr sanft und gottesfürchtig beschriebenen späteren Pastor. Nicht sehr sanft verfuhr Schölkopf nachträglich mit der am 20. Juni 1712 in Wittenberg erfolgten Eintragung seines ungarischen Kommilitonen Abraham Aegidius Dobner, dem Sohn eines Ödenburger Bürgermeisters. Schölkopf strich den Namen des Einträgers vielfach durch und fügte hinzu deleatur apostata, also »der Abtrünnige sei zerstört«. In der Zwischenzeit war Dobner, der noch 1713 an der Universität Wittenberg die theologische Magisterprüfung abgelegt hatte, nämlich zum katholischen Glauben übergetreten und hatte ab 1719 sogar Streitschriften gegen die Lutheraner veröffentlicht.

Stb 727 – C. August Lüdeke (Ende 18. Jh.)

Stb 727

C. August Lüdeke (Ende 18. Jh.)

Laufzeit: 1828–1837

Ein Sterbekreuz gemahnt im Stammbuch des Stettiner Konsistorialrates Lüdeke an den Tod des Freundes Carl von Borcke, der im Alter von zwanzig Jahren bei der Völkerschlacht von Leipzig fiel. Jede junge Morgenröthe || Kehre heiter Dir zurück || Und der Zukunft Sorgen tödte || keinen frohen Augenblick. || Stettin || den 14ten Februar 1813 || Auch in der Entfernung || erinnere dich zuweilen || deines dich herzlich liebenden || Carls v. Borcke. Diesen Versen sind zwei Silhouetten beigegeben, deren linke Borcke zeigt. Von Lüdekes Hand steht die Notiz darunter (geb. am 12/1. 1793:) † am 19/10 1813. für unser Vaterland. Borcke hatte seiner Widmung einen kleinen Briefumschlag beigefügt, in dem sich eine Haarlocke, die Reste eines getrockneten Kleeblattes und ein seidenes Band befindet. Schließt man den Briefumschlag, so sieht man, dass Lüdeke nachträglich ein Eisernes Kreuz auf den Umschlag malte und dazu schrieb den 19ten October 1813 bei Erstürmung Leipzigs.

Stb 1085 – Ulrica von Bismarck (18. Jh.)

Stb 1085

Ulrica von Bismarck (18. Jh.)

Laufzeit: 1786–1797; 1812

Dass Eheleute ihre gegenseitige Verbundenheit ausdrücken, indem sich beide auf der Doppelseite eines Stammbuches mit liebevollen, aufeinander bezogenen Texten eintragen, ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Erst das Wissen um die Tatsache, dass die Berliner Geheimrätin Sophie Charlotte Elisabeth Ursinus 14 Jahre später nacheinander ihren Geliebten, dann den Ehemann und die Erbtante mit Arsenik vom Leben zum Tode beförderte sowie einen Giftanschlag auf ihren Diener verübte, lässt das traute Beieinander der Widmungen in einem anderen Licht erscheinen. Die Giftmörderin wurde zu dreißig Jahren Festungshaft verurteilt. Ihr aufsehenerregender Fall führte 1836 zur Entwicklung einer gerichtsfesten Nachweismethode für Vergiftungen mit Arsenik, das man, da es häufiger zur ›Regelung‹ von Erbschaftsangelegenheiten genutzt wurde, auch Erbschaftspulver nannte.

Stb 957 – J. G. J. Sieber (18. Jh.)

Stb 957

J. G. J. Sieber (18. Jh.)

Laufzeit: 1784–1814

Viele Eintragungen in Siebers Freundschaftsbuch weisen auf eine Beziehung zum Berliner Goldhandwerk hin. So auch die Widmung von J[ohann] G[ottlieb] Jacoby vom 1. Mai 1785, unter der die Notiz steht 1819 wegen Raubmordes hingerichtet. Der 55-jährige Goldarbeiter Jacoby hatte den Knopf- und Kammplattenfabrikanten Jean Jacques Noé aus Geldverlegenheit immer wieder vergeblich um Darlehen gebeten, so auch am Abend des 15. April 1819. Mit einem Barbiermesser versetzte Jacoby dem Ablehnenden mehrere Stiche und entwendete Leuchter, Taschenuhr sowie 850 Taler in Staatspapieren. Der Versuch, den Leuchter zu verkaufen, führte zu seiner Festnahme und raschen Verurteilung zum Tode durch das Rad. Bereits am 23. Juli 1819 fand die Vollstreckung auf der Richtstätte vor dem Oranienburger Tor in Gegenwart von annähernd 25000 Schaulustigen statt. Laut Volkszählung hatte Berlin im Jahr 1819 einschließlich der Garnison nur 201138 Einwohner.