Galilei, Goethe und Co. Freundschaftsbücher der Herzogin Anna Amalia Bibliothek
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Motive

Zu den attraktivsten Beigaben der Eintragungen in Freundschaftsbüchern gehören seit dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts farbige Illustrationen. Bei der Wahl des Motives kann die Bedeutung der Thematik durchaus hinter den optischen Reiz zurücktreten. Denn, auch wenn den Abbildungen im Zusammenhang mit den jeweils zugehörigen Widmungen eine ganz bestimmte Bedeutung zukommt, dienten sie als begehrte Sammelobjekte doch nicht zuletzt dem Schmuck eines Albums.

Besonders beliebt waren Stoffe aus der klassischen Mythologie und der antiken Geschichtsschreibung sowie vor allem aus dem Alten Testament entlehnte biblische Szenen. Selten ist der Einträger zugleich Urheber dieser hauptsächlich mit wasserlöslichen Farben in der sogenannten Gouachetechnik ausgeführten Darstellungen, sondern ein eigens beauftragter Maler. Vornehmlich in Universitätsstädten wie Jena gab es Porzellanmaler, die auch Stammbuchblätter fertigten. Auch Universitätszeichenlehrer sicherten sich gerne diesen kleinen Nebenverdienst.

Ein erster Hinweis auf professionelle Stammbuchmaler findet sich in einem Theaterstück, das im Jahr 1600 an der Universität Rostock uraufgeführt wurde. Cornelius Relegatus, der Bummelstudent, muss sich seiner Schulden wegen vor dem strengen Vater verantworten, der ihm eine lange Schuldnerliste vorhält, an deren Ende es heißt: »Der Maler wil auch sein bezahlt || Hat viel in Stammbücher gemahlt.«


Stb 206 – Heinrich Christl (17. Jh.)

Stb 206

Heinrich Christl (17. Jh.)

Laufzeit: 1641–1643

Die Gouache im Stammbuch des Theologiestudenten Christl zeigt die Illustration zu einer Bibelstelle (Jer 18,3): Der Töpfer sitzt an der Scheibe und arbeitet an einem Topf. Vier bereits fertige Töpfe stehen neben ihm auf dem Fußboden, passende Deckel liegen auf der Bank. Auf der anderen Seite liegt ein großer, ungeformter Tonklumpen auf dem Boden, auf der Bank drei Portionen. Auf dem Tisch sieht man Brot und einen Wein- oder Wasserkrug. Rechts dient ein Kachelofen zum Wärmen, wenn der Brennofen, dessen Eisentür auf der linken Seite erkennbar ist, gerade nicht glüht. Der Einträger zitiert den Beginn des Töpfergleichnisses: Jeremia 18 V 3 || Vnd ich gieng hinab in deß töpfers hauß, vnd sihe, er arbeitet || eben aupf der Scheiben || Diß hab ich Hannß Bauer || meinen guten freund zu ehren || geschrieben, meiner allezeit || in besten zu gedencken. 28 Jan: || 1641.

Stb 548 – Johann Carl Wilhelm Voigt (1752–1821)

Stb 548

Johann Carl Wilhelm Voigt (1752–1821)

Laufzeit: 1773–1787

Der Bergmann und Mineraloge Voigt hatte zunächst Rechtswissenschaften in Jena studiert, bevor er sich 1776 der Mineralogie an der Bergakademie Freiberg zuwandte. Goethe ernannte ihn 1785 zum Bergsekretär in Weimar und übertrug ihm später die Leitung der Bergwerke in Ilmenau. Voigts Ernennung zum Bergrat erfolgte 1789. Aus der Freiberger Studienzeit stammt die Widmung seines Kommilitonen Christian Gottlob Wagner aus Johanngeorgenstadt im Sächsischen Erzgebirge, geschrieben am 30. August 1777 in der Freiberger Löwen-Apotheke: Um einen wahren Freundt zu sehn || Sucht der bekante Diogen || Auf Bergen Thälern Gründen || Und kan doch keine finden || Wie schön sind unsrer Zeiten Lauf || Da schlägt man nur ein Stammbuch auf || Da stehn auf jeder Seite || Dergleichen gute Leute.

Stb 540, Blatt 1 – Auguste Oschatz, verh. Köhler (1807–1879)

Stb 540, Blatt 1

Auguste Oschatz, verh. Köhler (1807–1879)

Laufzeit: 1820–1825

Ausgesprochen fragil und deswegen sehr selten erhalten sind sogenannte Hausenblasenreliefs oder Hauchbilder wie dieses Beispiel der Volksfrömmigkeit im Album von Auguste Oschatz. Für die Herstellung wurde der wasserklare Fischleim aus der Schwimmblase des Hausens gekocht, gereinigt, mit einem weißen oder farbigen Füllstoff versetzt und über einer gestochenen Kupferplatte ausgegossen. Ein Wachsrand verhinderte das Abfließen des Leims. Nachdem die Masse ausgehärtet war und man den Rand entfernt hatte, konnte das reliefartige Bildchen vorsichtig abgelöst werden. Seit etwa 1640 stellte man diese zarten Devotionalien vor allem in Klöstern her. Ab dem 19. Jahrhundert verwendete man geklärten Knochenleim – Gelatine. Durch Handwärme oder Anhauchen krümmt sich dieses Hauchbildchen, auf dem Mariä Verkündigung zu sehen ist (Lk 1,26–38).

Stb 540, Blatt 2 – Auguste Oschatz, verh. Köhler (1807–1879)

Stb 540, Blatt 2

Auguste Oschatz, verh. Köhler (1807–1879)

Laufzeit: 1820–1825

Mit winzigen Kreuzstichen ist nicht nur die Ranke aus Kleeblättern gestickt, sondern auch die Widmung von 1823.

Stb 43 – Johann Weber (1687–1758)

Stb 43

Johann Weber (1687–1758)

Laufzeit: 1710–1715

Der Ulmer Goldschmiedegeselle Weber begab sich im Jahr 1710 auf eine fünfjährige Wanderschaft durch Süddeutschland. Johann Matthias Riedlin aus Lindau erinnert ihn mit seiner Eintragung des Tanzens in der Küchen. Die dazugehörige Zeichnung zeigt einen efeubekränzten Bacchus mit einer Weintrinkschale, dem Kantharos. Neben ihm steht Venus mit einer Feuerschale und kleinen Eroten. Wein und Feuer versinnbildlichen den Spruch »Ohne Bacchus (Wein) bleibt Venus (Liebe) kalt« von Erasmus von Rotterdam: »Sine Cerere et Baccho friget Venus«. Bacchus weist in der Kunst oftmals weibliche Züge auf. Er ist kein Muskelprotz, sondern ein Genießer und Völler. Dies macht seinen Körper rund und weiblich. Manchmal wird er auch als Hermaphrodit dargestellt, da er in seiner Jugend bei Nymphen aufwuchs und von diesen in Frauengewänder gekleidet wurde.

Stb 34 – Christoph Felber (17. Jh.)

Stb 34

Christoph Felber (17. Jh.)

Laufzeit: 1642–1662

Stammbücher von Handwerkergesellen, die sich auf der Walz befanden, tauchen gegen Mitte des 17. Jahrhunderts auf. Weit hinaus über die üblicherweise drei Jahre und einen Tag währende Gesellenwanderung führte die zwanzigjährige Reise des Grazer Buchbindergesellen Felber von süddeutschen Städten über Danzig, Thorn, Posen und Preßburg bis nach Konstantinopel. In sein Stammbuch, das er während der gesamten Wanderung mit sich führte, trugen sich vor allem Zunftgenossen ein, aber auch Malergesellen und Angehörige anderer Berufe. Die Miniatur zeigt die Opferung Isaaks in dem zu allen Zeiten von Künstlern festgehaltenen dramatischen Moment, in welchem der Engel Abrahams Hand, die bereits zum Stoß erhoben ist, packt und Isaak gerettet ist (Gen 22,1–19).

Stb 112 – Johann König (17. Jh.)

Stb 112

Johann König (17. Jh.)

Laufzeit: 1647–1653

Sujets aus Bibel und Mythologie finden wir in großer Anzahl im Freundschaftsbuch des Malergesellen Johann König d. J. aus Augsburg. Fast jeder der 36 Einträger, die meisten von ihnen Maler aus dem Umkreis der protestantischen Augsburger Barockmalerei, versah seine Widmung mit einer eigenhändigen Illustration von erstaunlicher Qualität. Die alte Frage nach dem Namen von Potiphars Weib konnte auch David Bernhardt Mahler in Augspurg 1651 nicht beantworten, setzte die biblische Erzählung jedoch ausgesprochen dramatisch in Szene: Potifahrs Weib Wardt Joseph holdt, sein Mandtel bleibt ir, Joseph Entran. || Er Liber Gott gehorchen Woldt, sie schreidt Vnd klagt in Nothzwangs An.

Stb 92 – Johann Biermann sen. (17. Jh.)

Stb 92

Johann Biermann sen. (17. Jh.)

Laufzeit: 1659–1662

Biermann, Sohn eines Augsburger Apothekers, lernte den väterlichen Beruf. Früher ging ein angehender Apotheker mehrere Jahre bei einem Meister der Arzneimittelkunst in die Lehre, weswegen sich auch Biermann und viele Einträger seines Stammbuches als »Apothekergeselle« bezeichnen. Dem Verständnis eines Handwerksberufes entsprechend ging auch Biermann auf eine über drei Jahre währende Wanderschaft, die ihn nach Venedig, Lodi, Montpellier, Leipzig, Dresden, Lübeck, Hamburg und Amsterdam führte. Sein Freundschaftsbuch hatte er bei sich und erhielt unterwegs diese unsignierte und undatierte Gouache. Dargestellt ist der Mythos von Aktäon, der Diana mit ihren Nymphen beim Bade überrascht. Die empörte Göttin bespritzt den Unglücklichen mit Quellwasser, ihn dadurch in einen Hirsch verwandelnd. Als solcher wird er von seinen eigenen Hunden – Ovid nennt 35 mit Namen – zerfleischt.

Stb 174 – Jacob Fezer (?–1634)

Stb 174

Jacob Fezer (?–1634)

Laufzeit: 1610–1614

Der Spross einer Nürnberger Patrizierfamilie studierte in Wittenberg, Altdorf, Jena und Basel, wo er später zum Dr. jur. promoviert wurde. In seiner Heimatstadt wurde er Mitglied des Größeren Rates und Stadtkonsulent. Im Jahr 1634 wurde er auf dem Weg von Regensburg nach Straubing ermordet. Während seiner Studienzeit erhielt Fezer als Beigabe zur Widmung des Theologiestudenten Bernhard Derschow eine Illustration des Lucretiastoffes. Lucretia wurde während der Abwesenheit ihres Mannes von Sextus, einem entfernten Verwandten, vergewaltigt. Nach der Schändung ließ sie nach ihrem Mann und ihrem Vater rufen, die sie für unschuldig erklärten. Trotzdem stieß Lucretia sich den Dolch in die Brust, damit künftig keine untreue Frau sich auf ihr Schicksal berufen könne und ungestraft davonkomme.